Das stille Leid misshandelter Kinder

10.01.2017, Klinikum Kaufbeuren
Kinderschutzgruppe sensibilisiert für das Thema Kindesmisshandlung.

Fast jeder Arzt kennt das: Es kommen Eltern mit einem verletzten Kind in die Sprechstunde und die Art der Verletzung wirft die Frage auf: Handelt es sich tatsächlich um einen Unfall  oder wurde das Kind misshandelt? Wie reagiert man richtig? Was soll man tun? Einerseits möchte und muss man im Falle des Falles das Kind schützen. Andererseits zerstören falsche Verdächtigungen unter Umständen das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Eltern. Eine diffizile Gratwanderung, die viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung voraussetzt.

Mit diesen Fragen hat sich auch das Team der Kinderklinik unter Leitung von Chefarzt  Priv.-Doz. Dr. Markus Rauchenzauner auseinandergesetzt und in diesem Zusammenhang vor rund eineinhalb Jahren eine Kinderschutzgruppe gegründet, mit dem Ziel, bei Verdacht auf Kindesmisshandlung  Ermittlungen einzuleiten, um die Kinder vor weiteren Übergriffen zu bewahren. Keine leichte Aufgabe: „Man geht natürlich grundsätzlich immer erst mal von einer stabilen häuslichen Situation aus“, so Rauchenzauner. Doch zeige die Erfahrung, dass es leider häufiger vorkomme, als man wahrhaben wolle. Die Statistik sagt, dass rund zwei Prozent aller stationär aufgenommenen Kinder Misshandlungen ausgesetzt waren. Dennoch wolle man Eltern mit einem verletzten oder verhaltensauffälligen Kind auf keinen Fall unter Generalverdacht stellen. Die Kindergruppe setzt sich zusammen aus verschiedensten Disziplinen: Ärzten der Kinderklinik, Sozialpädagogen, Klinikseelsorger, Pflegedienstleitung, Radiologie und Kinderpsychiater.  Bei begründetem Verdacht tritt die Kinderschutzgruppe in einer Krisensitzung zusammen  und bespricht das weitere Vorgehen nach festgelegten Leitlinien.  Sie  nimmt Kontakt mit Jugendamt und Polizei auf. Weiterführende Untersuchungen werden durchgeführt. „Natürlich haben wir immer auch die Sorge, dass wir einen falschen Verdacht äußern könnten“, so Rauchenzauner. Und natürlich gehe man sehr sorgsam und verantwortungsvoll mit einer entsprechenden Situation um.  „Mitunter muss man auch Beschimpfungen in Kauf nehmen“, weiß Rauchenzauner aus Erfahrung. Aber wer das Leid misshandelter Kinder kennt, kann und darf im Falle eines Verdachts nicht darüber hinwegsehen. Und dennoch ist es nicht leicht, missbrauchte oder misshandelte Kinder zu identifizieren. „Gerade Vernachlässigungen oder sexuelle Gewalt werden häufig übersehen“, sagt Rauchenzauner. Man sei durch die Arbeit mit und in der Gruppe zwar sensibilisierter, aber man denke im ersten Moment nicht an das Schlechte.

Weil dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, die mit Kinder und Jugendlichen zu tun haben, hat die Kinderschutzgruppe des Klinikums Kaufbeuren im Oktober einen Vortrag mit der bekannten Rechtsmedizinerin Prof. Dr. Elisabeth Mützel vom Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München  unter dem Titel: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – Erkennen und Handeln“ veranstaltet. Mehr als 120 Besucher waren gekommen, um sich bei der Expertin Tipps im Umgang mit Verdacht auf Misshandlung zu holen. In vielen Beispielen erläuterte die auf Kindesmisshandlung spezialisierte Rechtsmedizinerin, worauf man achten muss und wie fundamental es in der Anamnese sei, sich hinsichtlich des Ursprungs der Verletzung die Plausibilitätsfrage zu stellen: „Passt die Art der Verletzung zur Erzählung der Eltern?“  Eine genaue Diagnostik und eine exakte Dokumentation sowohl der Verletzungen als auch der Aussagen seien unerlässlich. Und dennoch, räumt die Expertin ein, gebe es Fälle, in denen man zu keinem eindeutigen Ergebnis komme.

Fakt ist: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist leider tagtägliche Realität, in Form von körperlicher, sexueller, seelischer Gewalt oder Vernachlässigung. Ärztinnen und Ärzten kommt eine Schlüsselfunktion bei der Identifikation von Gewalt und der Unterstützung der Betroffenen zu. Häufig ist es jedoch schwierig, eine entsprechende Diagnose hinreichend sicher zu stellen, da die Symptome und Befunde nicht immer eindeutig sind. „Mit  der Gründung unserer Kinderschutzgruppe haben wir immerhin erreicht, dass wir für das Thema Kindesmisshandlung sensibilisiert sind“, so Rauchenzauner.  Und man wolle auch außerhalb der Kinderklinik ein Bewusstsein für dieses Thema schaffen. „Ich habe schon so schwere Fälle von Kindesmisshandlung gesehen,“ sagt Rauchenzauner. „Wenn wir durch unsere  Kinderschutzgruppe nur einem dieser Kinder sein unvorstellbares Leid ersparen können, dann hat sich unsere Arbeit schon gelohnt!“, so der Chefarzt.

 

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